Für sozialpädagogische Fachkräfte

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Eine sich selbst reflektiernde Haltung gehört nicht nur zum selbstverständlichen Standard
in der sozialen, pädgogischen und pflegerischen Arbeit,
sondern ist eine wesentliche Kernkompetenz professioneller Praxis.

Wer seine Vergangenheit nicht ehrt,
verliert seine Zukunft.
Wer seine Wurzeln vernichtet,
kann nicht wachsen.

(Friedensreich Hundertwasser)

Biografiearbeit

ein Thema für alle Beteiligten bei der Fremdplatzierung von Kindern

Was ist Biografiearbeit und wozu ist sie gut?“ Wie geht Biografiearbeit: Methoden

Pflegekinder verbrauchen viel seelische Energie, um ihre beiden unterschiedlichen Familienwelten psychisch zu integrieren.

Von der eigenen Familie getrennt zu sein, sich gleichzeitig in eine neue Familie hineinzufinden, sich der eigenen Vergangenheit oft nur undeutlich zu erinnern, niemanden zum Nachfragen und Vergewissern zu haben (z.B. „wie war das, als ich laufen gelernt habe? Welches war mein erstes Wort?“ …. ) , manchmal gar nicht mehr richtig Denken zu können und von Gefühlen verwirrt und überschwemmt zu werden, immer wieder mit der unklaren Vergangenheit in Kontakt zu kommen („Ich brauche ein Babyfoto von mir“ „Wir sollen für die Schule Namen in einen Stammbaum eintragen“ …. ) , oder aber auch sehr wenig bis gar nichts zu wissen, ist ein anstrengender Prozess für das Kind und gehört gleichzeitig zu seiner besonderen Identitätsentwicklung.

Pflege- und Adoptiveltern haben die anspruchsvolle Aufgabe, das ihnen anvertraute Kind in diesem Prozess, zu begleiten und zu unterstützen.

Ebenso können an dieser Stelle Fachkräfte aus dem sozialen Dienst, aus den Adoptiv- und Pflegekinderdiensten und Vormünder in mehrfacher Hinsicht gefragt sein:

- Adoptiv- und Pflegekinder bei der Klärung ihrer Herkunft zu unterstützen
- ein Verbindungsglied zur Herkunftsfamilie zu sein
- ein Zeuge für die Trennungssituation (bei Inobhutnahmen)
- Schnittstelle: Sozialer Dienst - PKD - Vormundschaft
- Beratung und Unterstützung für Adoptiv- u. Pflegeeltern


Eine Hilfe dazu ist das Wissen um die Bedeutung von und Methoden zur Biografiearbeit.

Zielgruppe: Fachkräfte: PKD , SD, Vormünder sowie Adoptiv- u. Pflegeeltern

Für konkrete Absprachen nehmen Sie bitte Kontakt mit mir auf

Biografiearbeit Präsentation

   Download Biografiearbeit-Methoden  pdf

Literaturhinweise

Biografiearbeit

Biografie bedeutet wörtlich: Lebensbeschreibung

In diesem Zusammenhang ist zu differenzieren:

Lebenslauf

- ist meist zweckgebunden und enthält die persönlich – objektiven Daten
- in sozial anerkannten Bewertungszusammenhängen (z.B. Schulabschluss, Beruf der Eltern,...)

Lebensgeschichte

In lebensgeschichtlichen Äußerungen stellen sich Menschen als aktiv Handelnde, als Beteiligte in Beziehungen oder auch als ihr Schicksal ertragend dar. Es geht um Erfolge, Misserfolge, Träume, Versuche, Demütigungen, Wünsche,....

Das eigene Tun und die wird kommentiert. Man könnte sagen: Die geschichtlich objektiven Daten (z.B. „als das Jahrhundertwasser war“, „während der Fußball WM“,....) und die Daten des Lebenslaufes (z.B. „wurde ich Eingeschult“, „ hatten wir die Abschlussfeier“, „Zog Papa aus“, „kam Mama in die Klinik“...) bilden die Folie für die Lebensgeschichte mit ihren Brüchen, Wünschen, Widersprüchen

Erst, wenn die individuellen Erlebnisse und die objektiven Daten aus Lebenslauf und „Weltgeschichte“ miteinander verwoben werden, können Zuhörende die erzählte Lebensgeschichte als sinnhaft verstehen. Biografische Erzählungen geben immer Auskunft über beides:

die gesellschaftlich-historische Situation

und besonders über die Art und Weise, wie sich ein Mensch in diese Situation einbindet, wie er sich zu der ihn umgebenden Welt stellt

Es geht darum, zu verstehen, wie Menschen ihrer Welt und sich selbst in ihr Sinn geben und damit geht es um Identität.

Biografiearbeit

Ist ein methodischer Ansatz in der psychosozialen Arbeit mit Menschen (hier Adoptiv- und Pflegekinder). Ist so etwas ,wie eine „biografische Selbstreflexion“ (H. Gudjons). Ein mehr oder weniger strukturiertes Vorgehen, mit dem Ziel die Lebensgeschichte eines Menschen zu thematisieren und „die Verarbeitung lebensgeschichtlicher Ereignisse zu fördern“ (B. Lattschar )

Die Inhalte richten sich immer und ausschließlich nach den Möglichkeiten und Fähigkeiten des Kindes / Jugendlichen. Günstig ist es aber in irgendeiner Form ein Produkt zu erstellen, das später immer wieder angesehen werden bzw. ergänzt werden kann. „mein Lebensbuch“, „Der Film über mich“, “Meine Hörkassette“ oder auch „meine Erinnerungskiste“ sind solche Produkte, für deren Gestaltung es inzwischen vielerlei Vorlagen gibt.(siehe unten)

Folgende inhaltliche Elemente sollten enthalten sein:

Das bin Ich
persönliche Daten: Name und Bedeutung, Geburtsdatum, Geburtsurkunde,...

Das ist meine (erste, leibliche) Familie
Daten, Informationen über Eltern, Geschwister, Großeltern. Fotos, Stammbaum mit Geburtsdaten, gegenwärtige Situation, Wohnort, Kontaktmöglichkeit z.Z.

Meine Adoptiv- bzw. Pflegefamilie
Daten, Informationen über meine Adoptiv-- / Pflegefamilie, Eltern, Geschwister, Großeltern, Freunde, Fotos, gegenwärtige Situation, Wohnort, Schule, Kita, ...

Das ist meine Geschichte
Chronik und Umstände des Wechsels der Lebensumstände

Meine Gefühle
Gefühle in der aktuellen Lebenssituation. Welche Ängste? Was tut gut? Was ist ärgerlich, schade? Wünsche...

Meine Zukunft
Wie stellt sich das Kind / der Jugendliche seine Zukunft vor? Wie möchte es leben , arbeiten, Familie haben,...?

Wozu ist Biografiearbeit gut?

Kurz gesagt:

Biografiearbeit bietet eine Möglichkeit zur Identitätsfindung. Durch das Verstehen der eigenen Lebensgeschichte, kann es zu einem besseren Annehmen der eigenen Person kommen, was ja Voraussetzung zu persönlichem Wachsen und Weiterentwickeln ist.

Die Situation im Adoptions- und Pflegekinderbereich beginnt für Kinder grob skizziert, wie folgt:

Ein Kind muss seine vertraute, gewohnte von anderen als problematisch eingeschätzte Umgebung verlassen. Erwachsene (Sozialarbeiter, sozialpäd. Familienhelfer, Polizei, ...) holen es ab – manchmal gegen den Protest der anwesenden Eltern. Es fährt in einem Auto mit meist unbekannten Personen zu einem ihm unbekannten Ziel. Das Kind befindet sich in einem Zustand höchster Angst. Es kommt in eine familiäre Bereitschaftsbetreuung oder in eine Kinder- u. Jugendschutz Einrichtung. Dort ist alles neu: die Personen, die Räume, die Gerüche, die Stimmen, .... Es ist alles so beängstigend und verwirrend und entzieht dem Kind den „emotionalen Boden unter den Füßen“.

Übung: eigene Erfahrungen: „Als Kind ganz allein in einer neuen Situation“

Unabhängig vom Grund der Trennung von der Familie, kann die Art und Weise wie diese Trennung geschieht auf das Kind traumatisch wirken. Deshalb ist eine besonders einfühlsame Begleitung des Kindes in der Trennungsphase notwendig.

Zur Aufgabe von Mitarbeitern aus dem Adoptiv- und Pflegebereich, sowie von Adoptiv- und Pflegeeltern, gehört es dem Kind / Jugendlichen begreifbar zu machen, was eigentlich mit ihm geschieht bzw. geschehen ist und wozu das gut ist / war. Es geht darum, das Kind altersentsprechend und möglichst aktiv in seinen Veränderungsprozess einzubeziehen. Ziel dabei ist, dass sich das Kind nicht nur als Objekt der Entscheidungen der Erwachsenen erlebt, sondern als Subjekt, als Person, die an diesem Entscheidungsprozess auch aktiv beteiligt ist.

Es gilt das Kind in seinem Erleben so zu begleiten, dass ihm in seiner Erinnerung (innerer Vorgang) die einzelnen Schritte seines Veränderungsprozesses bzw. seiner Lebensstationen (äußerer Vorgang) deutlich bleiben. Die äußeren Ereignissewirken auf die innerpsychischen Vorgänge und umgekehrt.

Biografiearbeit

- bietet eine Struktur, die es dem Kind ermöglicht seine Gedanken und Gefühle auszudrücken, statt sie zu verheimlichen

- lässt den erlebten Veränderungsprozess transparent werden

- verbindet Vergangenheit , Gegenwart und Zukunft

- hilft Vergangenes zu integrieren und ist so eine Methode der Identitätsbildung

Sie Mitarbeiter im Adoptiv- und Pflegekinderbereich nehmen eine Brückenfunktion ein, zwischen der Vergangenheit des Kindes, seiner Gegenwart und seiner Zukunft. Verweilen wir noch bei dem Bild der Brücke. Brücken verbinden das eine Ufer mit dem anderen. Meist sind sie in beide Richtungen befahrbar. Oft fahren wir mit dem Auto viele Kilometer, um mit Hilfe einer Brücke einen Fluss zu überqueren. Manche Brücken haben Namen und sind berühmt, andere fallen dadurch auf, dass sie sich nach einer Seite hoch klappen oder hoch ziehen lassen können. Brücken schaffen die Möglichkeit neue Ufer zu betreten. Auch in unserer Alltagssprache benutzen wir das Bild der Brücke „ eine Brücke schlagen zu....“ ; „... das ist wie eine Brücke in eine neue Welt“ Manchmal begegnen wir Menschen die uns einen neuen (Lebens-) Bereich eröffnen oder uns dahin begleiten. Sie nehmen eine Brückenfunktion ein, indem sie gemeinsam mit uns das Vertraute verlassen und uns zu etwas Neuen begleiten.

Übung: „Erinnern Sie sich an Menschen, in ihrem Leben, die für Sie eine Brückenfunktion eingenommen haben. Welche Bilder, Szenen, Sätze, Empfindungen tauchen auf?“

Biografiearbeit findet sich in Teilen von psychotherapeutischen Prozessen und spielt eine Rolle in der Senioren- und Erwachsenenarbeit. Sie ist ursprünglich eine Methode der Sozialforschung. Es geht um die Frage, wie sich soziale Realität auf den einzelnen auswirkt und welche Sinngebung für sein Leben der einzelne daraus entwickelt. Insofern trägt Biografiearbeit mit Adoptiv- und Pflegekindern zur Unterstützung ihrer Identitätsbildung bei.

Unter Identität verstehe ich:

1. "Identität ist ein vom einzelnen ständig zu erneuerndes, immer nur vorübergehendes Resultat einer von kognitiven, emotionalen, leiblich-sinnlichen, praktischen und imaginativen Elementen geprägten Integrations- und Syntheseleistung.“

Insofern lässt sich auch Biografiearbeit mehr als ein Prozess denn als ein Produkt beschreiben. In diesem Prozess geht es darum, das Bild des eigenen Lebens neu oder umzukonstruieren. Einzelnen Ereignissen eine neue Bedeutung zu geben, bzw. in einen neuen Bedeutungszusammenhang zu stellen. Dieses wird ermöglicht durch neue Informationen, andere Sichtweisen, Perspektiven, Interpretationen, Deutungen.

2. "Kontinuität und Kohärenz sind konstitutive Bestandteile von Identität und erfordern bestimmt Kompetenzen".

Kontinuität beinhaltet die lebensgeschichtliche und zeitliche Dimension von Identität. Das Bewusstsein der eigenen Kontinuität lässt sich als biografisches Bewusstsein bezeichnen und ist als solches wesentlicher Bestandteil eines Identitätsgefühls.

In Anlehnung an Antonowsky (1993) verstehe ich unter Kohärenz die bewusste und unbewusste Kompetenz von Subjekten, innere Zusammenhänge eines übergeordneten Lebensentwurfes herzustellen. Das Subjekt hat die Aufgabe , ambivalente oder antagonistische Elemente zu integrieren. ....

3. "...ich unterscheide eine Innen- und Außenperspektive von Identität. Eine Person kann von außen als identisch gesehen werden und sich dennoch von innen als nicht identisch mit sich selbst erleben." (I.Roscher 1997 in „Adoption und Adoptionsvermittlung Die Trennung von leiblicher Herkunft und sozialer Zugehörigkeit als Identitsätsproblem“ Uni Oldenburg)

Biografiearbeit will die Kompetenz der Kinder/ Jugendlichen stärken widersprüchliche und entgegengesetzte Erfahrungen z.B. aus unterschiedlichen Familiensystemen, zu integrieren. Alle Erfahrungen, des Kindes dürfen als zugehörig erlebt werden und müssen nicht abgespalten werden. Es geht um das Bewusstsein einer eigenen Kontinuität trotz aller äußeren Veränderungen. Biografiearbeit ermöglicht dem Kind / Jugendlichen die „emotionale Erlaubnis“ sich neu zu binden.

Das Selbstwertgefühl des Kindes / des Jugendlichen wird gestärkt. Biografiearbeit hilft dem Kind sich selbst besser zu verstehen. Auch den an der Biografiearbeit beteiligten Erwachsenen hilft sie, sich besser in das Kind einfühlen zu können. Sich selbst zu verstehen ist Voraussetzung für Veränderung.

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